„TRAU’S DIR DOCH ZU!“

Sandra_Scherm

Name: Sandra Scherm (50)
Funktion: Head of Compliance Digital Industries
Arbeitgeber: Siemens
Verein: WMs Nürnberg
Familie: Verheiratet, eine Tochter (13)

Als sie bei Siemens anheuert, hat Sandra Scherm nicht vor, lange zu bleiben. Ihr BWL-Studium und der Verkauf ihres IT-Startups liegen gerade hinter ihr, da nutzt sie eine Chance, im Accounting und Controlling von Siemens anzufangen. Zwei bis drei Jahre Siemens können nicht schaden, denkt sie sich damals. Aus den zwei, drei Jahren sind inzwischen 22 Jahre geworden.

Langweilig ist es der gelernten Bankkauffrau und studierten Betriebswirtin in der Zeit nicht geworden. Sie hat Bereiche und Verantwortungen gewechselt von Integrationsprojekten bis zur Logistik, war mehrmals im Ausland, und führt als Head of Compliance der Industrie-Sparte heute ein Team von rund 100 Mitarbeiter:innen in etwa 60 Ländern.

Selbstverständlich ist ihr Karriereweg allerdings nicht gewesen. „Liebe Frau Scherm, sehr geehrte Herren“, diese Begrüßungsworte klingen ihr noch heute in den Ohren, wenn sie an größere Meetings in ihrem ersten Siemens-Jahrzehnt zurückdenkt. Der Raum voller Männer – häufig Ingenieure und IT-Experten, und sie mittendrin.

Inzwischen hat sich das geändert. Siemens schreibt es sich auf die Fahnen, Diversity zu fördern. Bei Einstellungen von Führungskräften soll mindestens eine Frau auf der Kandidatenliste stehen. Und sogar der Frauenanteil im Topmanagement soll laut Aussagen der Siemens-Personalvorständin Judith Wiese bis 2025 auf 30 Prozent steigen.

Dieser Rückenwind hat Sandra Scherm gefehlt, ohne ihr allerdings bewusst zu sein. „Ich wollte nie die Frauenkarte spielen. Ich habe den Fokus auf mich als Person und meine Fähigkeiten gelenkt, nicht aufs Frausein.“ Selbst als sie vor vierzehn Jahren hochschwanger in einen neuen Kreis männlicher Führungskräfte kommt und niemand sie auf ihren Bauch anspricht – Sandra Scherm findet das nicht ungewöhnlich. Fragt man genauer nach, sagt sie, dass sie selbstredend nicht nur Förderer gehabt habe. „Meine Chefs waren nicht alle toll“, erzählt sie. „Habe ich zwei Jahre in Folge keine echte Wertschätzung bekommen, habe ich die Botschaft verstanden.“ Soll heißen: Nicht an Vorgesetzten abarbeiten, sondern weiterziehen, wenn die Chemie nicht stimmt.

Ihr Rezept für Beförderungen: Gelegenheiten nutzen, wenn sie sich bieten. Nicht warten, bis man gefragt wird. „Das bedeutet auch, sich selbst ins Spiel zu bringen, wenn man von einer interessanten Option erfährt. Und dies dann klar kommunizieren.“ Auf diese Weise ist die Regensburgerin beispielsweise in einem Outsourcing-Projekt in Tschechien gelandet oder als Integrationsbeauftragte für die Finanzen in einer zugekauften Firma in Kanada.

Selbstredend habe sie nicht vorher gewusst, ob sie das kann, sagt sie. Doch sie hat es sich zugetraut.

Um dieses Selbstverständnis weiterzugeben, hat Sandra Scherm firmenintern ein Frauennetzwerk mitgegründet, in dem sie noch heute aktiv als Mentorin dabei ist. „Trau’s dir doch zu, versuch es“, ist ein Satz, den sie jungen Frauen häufig sagt. Auch bei den Working Moms gibt sie ihre Erfahrungen weiter, seit dreieinhalb Jahren ist sie Mitglied im Verein.

„Sandra ist ein Role Model für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – insbesondere für Frauen in Konzernen“, sagt Ruth Flosdorff, Vorstand der Working Moms in Nürnberg und selbst seit 18 Jahren bei Siemens beschäftigt. „Trotz ihrer hohen Verantwortung im Konzern ist sie immer nahbar, authentisch und für mich ein absolutes Organisationstalent. Ihr Wissen und ihre Erfahrungen gibt sie gerne weiter, immer motivierend und mit dem Herzen am richtigen Fleck.

Sandra Scherm räumt ein, dass sie im Arbeitsalltag häufiger fremdbestimmt ist. Wenn ihre 13-jährige Tochter morgens das Haus verlässt, setzt sie selbst sich gegen 7.30 Uhr an den Home Office-Schreibtisch. Der letzte Call endet oftmals erst gegen 21 oder 22 Uhr. Zu Hause hat sie eine Unterstützung für den Haushalt – zudem übernimmt ihr Mann einen Großteil der Betreuung, obwohl er beruflich selbst ein Team führt. Heilig ist der Siemens-Managerin das gemeinsame Abendessen mit der Familie. Darüber hinaus blockt sie sich auch tagsüber immer mal wieder kurze Auszeiten. Sei es, um Erledigungen zu machen, Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen oder auch einen Spaziergang mit Mitarbeiter:innen einzuplanen. Wenn sie deswegen nicht an Meetings teilnehmen kann, sei das eben so. „Nicht erklären oder entschuldigen. Damit macht man sich nur angreifbar“, weiß sie aus Erfahrung.

„Wenn man Menschen mit Verantwortung in zwei Gruppen einteilt – in Manager und in Leader –, gehört Sandra definitiv zur zweiten Gruppe“, sagt Jörg Flath, CFO bei Siemens in Frankreich. „Sie verliert sich nicht im Kleinklein, sondern schafft es durch ihre empathische Art, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem ihre Mitarbeiter:innen immer das Beste geben.“ Jörg Flath hat Sandra Scherm vor Jahren als stellvertretende Compliance Officerin in seinen Bereich geholt. Über die Zeit sind sie in Kontakt geblieben und verfolgen ihre Wege gegenseitig. „Sandra ist nicht nur loyal und vertrauensvoll, sie weiß auch große, schwierige Herausforderungen mit Humor anzupacken.“

Genau das ist es auch, was die Compliance-Verantwortliche jungen Kolleg:innen weitergeben will: Selbstvertrauen zeigen und dabei trotzdem über sich selbst lachen können. Trotz aller Expertise und Professionalität. Mit einem solchen Rezept macht man – oder frau – selbst in einem 300.000 Mitarbeiter:innen-Unternehmen auf sich aufmerksam.

Stefanie Bilen, Co-Gründerin der Working Moms Hamburg – im Juni 2022